• Birgit Rolf

„Man muss ja heute die Beziehung öffnen, sonst ist man nicht normal!“

Offene Beziehungen

2+1 = 3 und: Wie frei sind wir eigentlich in der Liebe?


Beziehungstechnisch scheint heute nahezu alles möglich. Die Auswahl an potentiellen Partner*innen ist aufgrund der Angebote auf Online-Plattformen unermeßlich. Und dennoch gibt es große Unsicherheit bezüglich der Wahl der Beziehungsform, die dem/der Einzelnen stimmig erscheint. Immer noch gibt es das romantische Beziehungsideal von „eine/r für alles für immer und ewig“ – und gleichzeitig erleben Paare, dass Bedürfnisse unerfüllt bleiben oder der/die andere nicht alles ist, was sie/er sich erträumt.

„Wenn Du Interesse an einem/r Anderen hast, dann stimmt doch mit eurer Beziehung etwas nicht!“

Wie wollen wir als Paar leben? Was ist mir wichtig in meiner Beziehung? Welche Erfahrungen möchte ich noch machen? Kann es noch etwas Neues geben? All dies sind Fragen, mit denen jede/r im Laufe seines (Beziehungs-)lebens immer wieder konfrontiert ist. Gleichzeitig sind von der Monogamie abweichende Lebensformen immer noch stigmatisiert. Menschen, die sich für eine andere Lebensform, wie z.B. die Polyamorie, entscheiden, haben häufig mit Scham zu kämpfen. Sie leben mit der Angst, ausgegrenzt zu werden, gelten als beziehungsunfähig oder haben Angst Nachteile in der Karriere in Kauf nehmen zu müssen, wenn Sie sich offenbaren. Deshalb entscheiden sie sich oft für ein Leben in der Heimlichkeit.

„Ich traue mir gar nicht das anzusprechen".

Wenn Paare mit dem Thema zu mir in die Praxis kommen, dann sind es häufig Paare, die schon eine Weile ihren Lebensweg gemeinsam gegangen sind und dann irgendwann die Frage aufkommt „War das jetzt schon alles? Mir fehlt da noch was an Erfahrung! Ich möchte mich weiter ausprobieren.“ Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, diesen Bedürfnissen nachzukommen. Manchen geht es eher um das Ausleben sexueller Bedürfnisse mit anderen Menschen als dem/der Partner/in, sie entscheiden sich für eine Öffnung der Beziehung, um sexuelle Außenkontakte mit anderen Menschen leben zu können. Anderen geht es vor allen Dingen auch um emotionale Liebesbeziehungen zu anderen Personen, die durchaus Sexualität beinhalten können.

„Meine Liebe ist eine unendliche Ressource!“

Diese Paare, die verbindliche Mehrfachbeziehungen anstreben, starten in der Regel mit einem hohen ethischen Anspruch, sie wollen ein einvernehmliches, vertrauensvolles, respektvolles Miteinander - geprägt durch Verbindlichkeit und Rücksichtnahme. Sie erleben es als entlastend, dass nicht mehr alles an Beziehungswünschen von einer Person geleistet werden muss. Sie erhoffen sich im Ideal neue Beziehungsenergie für die Beziehung. Zum einen, weil zusätzliche Kontakte ein Selbstwert-Boost sein können und weil Sie von der positiven Energie profitieren, die der/die andere mit zurück in die Beziehung bringt.


„Ich reagiere hier auf eine Weise, wie ich es von mir nicht kenne!“


Gleichzeitig ist es so, dass dieser Prozess häufig Geduld und Zeit benötigt und Wachstumsschmerzen dazu gehören. Denn Liebe mag eine unendliche Ressource sein, Zeit, Aufmerksamkeit und Geld sind es nicht. Es passiert häufiger, das KlientInnen von ihren eigenen Gefühlen überrascht sind und sagen „ich reagiere hier auf eine Weise, wie ich es von mir nicht kenne“. Obwohl im Ideal postuliert wird, dass Eifersucht kein blockierender Faktor sein sollte, finden auf dieser Ebene durchaus manchmal (un)erwartete Kämpfe statt. Sie können als Chance gesehen werden, sich dieser Entwicklungsaufgabe zu stellen und gleichzeitig wäre es auch legitim zu sagen, das kostet mich zu viel, ich möchte zurückkehren in die gewohnte Beziehungsform. Es erscheint mir zu schmerzhaft. In jedem Fall sollte aus meiner Sicht eine Entscheidung für einen solchen Weg nicht in Stein gemeißelt sein. Im Gegenteil, ich würde empfehlen es mehr als ein Experiment zu betrachten, eine Phase des Ausprobierens, Abstimmens und Rückkoppelns miteinander, in der der/die Langsamste im Prozess das Tempo bestimmt und es jederzeit einen Weg zurück geben kann.


Ist eine offene Beziehung oder Polyamorie eine Beziehungsform für mich?


Es gibt wenige Vorbilder und keinen Leitfaden für die Öffnung einer Beziehung oder verbindliche Mehrfachbeziehungen. Für jede/n Einzelnen sieht die gewünschte Beziehungsrealität individuell unterschiedlich aus. In der Beratung können wir uns diesen Fragen widmen: Welches Modell passt zu mir/uns und meiner/unserer Beziehungsgeschichte? Welche Bedürfnisse habe ich eigentlich? Mit welchen Hindernissen/Stolpersteinen ist zu rechnen? Wie können wir uns an das Thema herantrauen? Was sollten wir auf jeden Fall beachten? Sollten Sie sich gemeinsam als Paar oder alleine auf diese Reise machen wollen und dabei Unterstützung in Anspruch nehmen wollen, können Sie sich gerne an mich wenden.